Frauen sollen dazu tanzen können

»Zinoba«

1993 betreten fünf junge Hamburger namens Selig die Bühne und bilden den Gegenpol zum damaligen „Diskurspop“-Boom. Schnörkellos und ungeheuer energievoll leben sie vier Alben lang alle Rockstar-Klischees zum Exzess. 1999 flieht Sänger Plewka in die schwedischen Wälder. Nach halbherzigem Soundtrack erscheint 2002 sein grandioses Solo-Debut »Zuhause da war ich schon«. Aus der Tourband entsteht Zinoba, die Anfang März 2004 ihr selbstbetiteltes Debütalbum veröffentlichen.

Jan Plewka, »Zuhause, da war ich schon«, 2002. Ganz oben in den Top 5 der zu Unrecht vernachlässigten Alben. „Das hat eindeutig die Plattenfirma vergeigt“, so die einhellige Meinung diverser Musikerkollegen, und auch Jan Plewka selbst meint rückblickend: „Ich hatte da keinen guten Stand.“ Und dennoch ein großartiges Werk: Mit noch einigen Selig-typischen Sounds, aber auch mit Dance-, House- und Drum‘n‘Bass-Beats unterlegte Pop-Rock-Songs eines Sängers, der sich nach der Katastrophe wieder ins Licht tastet und selbst auslotet. Geblieben ist die unverkennbare Stimme und die ganz eigene Art zu texten. Live dann große Konzerte vor kleinem Publikum. Mit dabei sein Co-Schreiber und Gitarrist Marco Schmedtje sowie Ex-Selig-Trommler Stoppel. Es wird klar: Die Rock-Variante im Bandkontext ist die Konsequenz der Selbstfindung, Zinoba die neue Band mit vielen Altbekannten. Zum Beispiel Produzent Dinesh Ketelsen, zuvor bei Fink und früher bei Nationalgalerie, mit deren Sänger Nils Frevert auch Schmedtje gearbeitet hat. „Die Plattenfirma hatte uns gekickt und wir sagten: ,Lass uns mal Demos machen!‘. Statt mit Hochglanzproduzent Franz Plasa ging es in Dineshs Kellerstudio: „Wir waren früher immer in den Super-HighTech-Studios, aber das jetzt war so richtig angenehm: Die Duschkaue der alten Hamburger Post, klein und staubig, perfekt für uns!“, wie Jan schwärmt: „Früher waren Nationalgalerie und Selig ja fast Konkurrenten, heute wächst das alles zusammen“, verkündet er glücklich.Aus Wochen wurden Monate, aus Jams Songs und Dinesh schnitt mit. Immer wieder und dann „ab in den Computer und dazu gebastelt“, wie Stoppel es beschreibt. Das Resultat ist ein Album, das weniger Facetten bietet als Plewka solo, dafür aber da weitermacht, wo Selig aufgehört haben – wenngleich „ganz anders“, wie Jan betont. Ein Zuhause, an dem er vorher quasi noch nicht war, wenn es sich auch altvertraut anfühlt. Mit viel Freude am Krach rocken Zinoba durch elf Songs, die sich und ihre Musiker neu verorten. Bezüge zu aktuellen politischen Themen – und sei es auch nur, wie im Video, durch das Tragen von Rauschebärten subtil eingestreut –, zu Berlin (»Rand der Zeit«) und zu aktuellen Mechanismen wie in »Der Hype«: „Ich habe das ja alles erlebt und singe da aus eigener Erfahrung“, so Plewka, dessen Song sich aber auch als Statement gegen den Castingwahn oder das Ende einer großen Liebe hören lässt. Oder auch als Abgesang auf die große Musikindustrie.

„Drei Akkorde und ‘ne gute Geschichte“, so lautet eines der Konzepte des Albums. „Frauen sollen dazu tanzen können“ ein anderes. Letzteres wird sich demnächst zeigen, wenn Zinoba auf Tour gehen. Zu erleben am 2. April im Jolly Joker.

text: matthias schröder
foto: peter ganser

Zinoba

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