|
Wer sich schon mal an einer deutschen Hochschule oder Universität aufgehalten hat, kennt vermutlich Jamiri, beziehungsweise seine Comic-Strips, die im Studentenmagazin Unicum erscheinen. In bestechend realistischer Manier beschäftigt er sich dort mit den wichtigen Fragen unseres Lebens, wie zum Beispiel „Wer bin ich?“, „Was mache ich?“ und „Wieso habe ich keinen Sex?“. Jetzt werden seine Sammelbände neu aufgelegt – und mit „Hypercyber“ gibt es auch einen neuen Band von Jan-Michael Richter alias Jamiri. SUBWAY unterhielt sich mit ihm.
In Deinen Comics geht es sehr oft um die technischen Neuerungen unserer Zeit. Man hätte sich Dich also eigentlich sehr gut als Mitglied der sogenannten New Economy vorstellen können. Stattdessen bist Du neben dem Zeichnen Gastronom. Warum?
Als ich um die 20 war, bin ich in die Gastronomie reingerutscht und hab da immer viel Spaß gehabt, das ist so eine Art Steckenpferd. Zweimal die Woche arbeite ich im Restaurant meiner Frau als Barmann. Finanziell ist das nicht so furchtbar interessant, aber es ist eben ein schöner Ausgleich zu meiner Arbeit am Schreibtisch. Diese „Dotcom“-Geschichte ist entstanden aus meiner Arbeit für Online Today, die sich ja als übergreifendes Magazin für Online, Computer und Handy verstanden haben ... da war ich natürlich gehalten, das zu thematisieren.
Deine Strips werden teilweise gar nicht als Comics wahrgenommen ...
Das finde ich interessant. Komischerweise macht mich das ein bisschen stolz. Der Comicmarkt ist ja genauso mit Trash überfüllt wie der Videomarkt. Da ist so viel unzumutbarer Müll unterwegs, dass das in der Summe eben auch das Genre in Verruf hält. Die wirklich künstlerisch ambitionierten Dinge tun sich schwer mit dem Abverkauf, so dass hierzulande das Medium Comic noch lange nicht den Stand der neunten Kunst erreicht hat, wie das im frankobelgischen Raum der Fall ist. Obwohl wir uns das gerne in die Tasche lügen. Wenn den Lesern auffällt, dass ich ein bißchen mehr versuche, als bunte, witzige Bildchen abzuliefern, dann freut mich das. Das tue ich tatsächlich.
Arbeitest Du mit Fotovorlagen?
Oft. Der Naturalismus hat mich vollkommen fasziniert, zum Teil fotografiere ich eine Situation mit den handelnden Personen komplett durch und arbeite dann sklavisch nach diesen Fotos. Allerdings übermale ich die Fotos nie, sondern zeichne sie nur exakt ab. Man könnte sagen, dass ich fast neurotisch zwanghaft mit Fotos arbeite, da die Wirkung umso allgemeiner ist, je genauer ich im Detail bin.
Du bist in fast allen Strips selbst zu sehen. Wir erfahren also auch viel Autobiografisches von Dir?
Das stimmt, vieles ist genau so passiert. Das seltsamste daran ist, dass ich, wenn ich nach Jahren wieder meine alten Sachen anschaue, selbst gar nicht mehr genau trennen kann, ob es wirklich mir passiert ist oder ich das gehört oder nur erfunden habe.
Demzufolge bist du wirklich der Cousin von Mehmet Scholl?
Ja, das ist die reine Wahrheit. Mehmet Scholl ist mein direkter Cousin. Wir sehen uns aber nur zu typischen Familienanlässen, Geburtstage oder so was. Er führt halt ein ganz anderes Leben, ich hab’ auch mit Fußball nichts am Hut.
Dafür um so mehr mit Philosophie. Kommt das vom Studium?
Klar. Es ist aber in mir angelegt, in diesen Ebenen zu überlegen, deshalb wäre das auch vollkommen unauthentisch, wenn das nicht in die Comics einfließen würde. Eine Geschichte, die mir besonders gefallen hat: Ich wurde im Mitteilungsblatt des deutschen Mathematiker-Verbands veröffentlicht, mit einem Comic, der sich auf den Mathematiker Riemann bezog. Der Abdruck des Cartoons hat dem Verband tatsächlich einen Austritt beschert – wegen „Gotteslästerung“. Darauf haben sie gleich den nächsten Cartoon bestellt ...
text & interview: matthias wieland illustrationen: Jamiri
|