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Das Jahr begann mit einer Schusswunde. So fühlte es sich jedenfalls an. Da unten in der Bauchnabelabteilung, am 1. Januar, als ein fast nicht mehr menschlich klingendes Geräusch aus dem Bad mich weckte – oh, da ging es einem ähnlich! –, und die noch ganz schwarz-weiße Welt meinen von di- und perversen Flüssigkeiten genotzüchtigten Verstand torpedierte. Langsam stellte sich Technicolor ein und damit die Erinnerung. Wir waren nach der Silvester-Pleite im Jahr davor, in dem es ja unbedingt etwas Besonderes sein musste, diesmal wieder auf Nummer sicher gegangen: „Nahrung bringt jeder selbst mit, Getränke auch, und dann gib ihm!“ Diese Schiene. Das Monster im Bad hatte zu rumoren aufgehört. Dafür schaute jetzt ein weißes Laken mit Mund, Nase und Augen darauf durch die Tür und fragte schwach, ob es Frühstück machen solle. Irgendein tierischer Instinkt ließ mich abwinken und gab mir den freundschaftlichen Rat, jetzt besser schnell einen ... Eimer ...
Im Februar war weiter nix. Gut, Davis-Cup in town, aber da geht man doch nicht hin! Nun, eine Kleinigkeit vielleicht noch, nur eine Meldung: „Radio 21. Der neue Rocksender“ hatte gegen Ende des Monats einen kleinen Rekord aufgestellt, die Sendung der ersten 1000 Scorpions-Songs. Gratulation! Allein 437 mal schickte man »Winds Of Change« über den Äther – und schleimte ihn voll. Es stimmt wirklich, ich habe mitgezählt.
Im März war uns ziemlich langweilig und da kommt man dann ja auf die dümmsten Ideen, fragt sich zum Beispiel laut beim Bäcker, was eigentlich aus dem Literaturbüro geworden ist? „Welches Literaturbüro denn?“ fragte die freundliche Bäckerin zurück. Eben!
Am 11. April spielten Saga im Jolly Joker. Dauerwellen und Vokuhila satt! Und tags zuvor las Benjamin von Stuckrad-Barre im CinemaxX. Ich hab’s mal wieder nicht geschafft, bin vielleicht auch zu alt dafür. Es sollen aber so viele feuchte Mädchenschlüpfer geflogen sein, dass unsereins da ja nur neidisch mit den Ohren, respektive dem Geschlecht schlackern kann.
Im Mai lief Cameron Crowes autobiografisch fundamentierte Rockjournalisten-Apologie »Almost Famous«. Ich ging hinein. Und nochmal. Und dann nochmal. Denn was der weise, hier leicht ironisch, aber doch warmherzig porträtierte Lester Bangs, der auf seiner Schreibmaschine wie auf einer Les Paul zu improvisieren verstand, an Sentenzen und Spruchweisheiten über die Freuden und Leiden seines Berufs abfeuert, das ist Balsam auf die Seele jedes Lohnschreibers.
Dann war endlich Juni und wieder mal Junggesellenabschied. Diesmal in Hamburg, ganz klassisch mit einem Abstecher auf die sündige Meile. „Hier wird gefickt und Fotze geleckt“, schrie uns ein älterer Einpeitscher hinterher, der in seinen besten Jahren vermutlich Fisch verkauft hat, und als wir nicht anhielten, sondern unsere Schritte beschleunigten, zog er auch noch seine Trumpfkarte: „Scheinwerfer geht bis in den Arsch.“ „Das ist ja allerhand“, sagte der Bräutigam kopfschüttelnd. Zwanzig Meter weiter hängte sich ein anderer Menschenangler an unsere Fersen und raunte konspirativ: „Jungs, ich brauche noch einen ganz Versauten für die Bühne!“ Wir sahen ihn fragend an. „Ehrlich!“, versichte er uns. Aber wir gingen dann doch nur in die Meany-Bar, weil hier gute alte Sixties-Schaffe lief, und tanzten in den kalten Morgen hinein. Wer was anderes sagt, der lügt!
„Im Juli kommt Dülln nach Braunschweig.“ „Wer?“ „Dülln.“ „Hat er also einen Reitstall gefunden, wo er noch nicht aufgetreten ist.“ So unkte es vorab aus vielerlei Mündern, die besser geschlossen geblieben wären. Denn Dylan kam wirklich, widerstand all den flehenden Anrufen aus dem Publikum „Bob, please speak to us!“ einmal mehr maulfaul und gab stattdessen ein so von allen guten Geistern beseeltes Konzert, dass seine Kritiker verstummten, Kennern ein vitalistischer Blitz in die schon etwas gebrechlichen Gebeine fuhr und selbst Kerle wie mein Freund Winfried fassungslos und mit feuchten Augen zur Bühne sahen, um all das irgendwie zu begreifen. Aber es geht ja nicht ...
Und dann im Monat darauf ... Eine wunderhübsche Braut, die nicht hinter ihrem Rücken Klippe machte, ein aufrechter Bräutigam mit der Tulpe im Knopfloch, kein einziger Einwand aus den Reihen der Gemeinde – und sogar das Wetterchen spielte mit. Eine Traumhochzeit. Das dachte sich wohl auch der Penner in Siebenachtelshorts, der die noch fast vollen Kuchenteller und kaum einmal angenippten Sektgläser auf den Stehtischen bemerkte, höflich wartete bis einer der Tische frei wurde, sich freundlich lächelnd dazu stellte, den kleinen Happen zwischendurch ratzeputz aufmüllerte und mit drei halben Gläsern trockenen Riesling nachspülte. Nein, er versäumte auch nicht, der schnieken Braut hernach seine Aufwartung zu machen und ihr mit einem gouvernantenhaften Knicks, den er einst im »Haus am Eaton Place« gesehen haben mochte, „Glück, Glück und nochmal Glück“ zu wünschen. Wenn wir alle eine so gute Kinderstube genossen hätten wie dieses arme Männlein, es stünde wohl besser um unser Land!
Im September fallen Hochhäuser zusammen, die Welt soll plötzlich nicht mehr dieselbe sein und die Spaßgesellschaft sogar am Ende ... Papperlapapp, wir fangen gerade richtig an, obgleich dieser Monat tatsächlich ein paar Ernstlerfalten auf unsere Stirn zaubert. Nicht zuletzt wegen Dr. Gert Hoffmann, dem einstigen NPD- (war nur Scheiß, das machte man 1968 so!) und jetzigen CDU-Mitglied, der sich selbst aber für „überparteilich“ hält (Humor hat er also, der Mann) und mit Unterstützung eines dubiosen Klüngels so genannter Honoratioren an die Macht geputscht wird. Nein, Braunschweig, schön wär’s, Du hast ihn Dir selbst gewählt und also auch verdient. Schäm’ Dich was! In vorderster Front der obskuren Sympathisanten- und Einpeitscher-Clique natürlich wieder einmal Gerd Biegel. Ach ja, fast vergessen, „M.A.“ – das sagt doch eigentlich schon alles!
Im Oktober herrscht Krieg und alle teutschen Frontschweine laden schon mal durch für den Bündnisfall. Aber die USA tun ihnen diesen Gefallen nicht. Die Spielverderber bombardieren ganz allein Afghanistan mit Keksen, Marmelade, leckeren Minutengerichten und noch etwas anderem. Und man nimmt auch schon mal ein Krankenhaus mit, um nicht mit halb vollen Bombenschächten wieder nach Hause zu fliegen.
Im November herrscht immer noch Krieg – und im AOL-Monatsbrief kriechen sie dir in den Arsch (schneller, als man „löschen“ drücken kann): „Erklären Sie den November zum Verwöhn-Monat: Tauchen Sie ab und nehmen Sie ein warmes Bad aus Milch und Honig ...“. Und im Dezember wird der Landser-Poet Ernst Jünger heilig gesprochen. Ein Grund mehr bei diesem Silvester auf Nummer sicher zu gehen!
text: frank schäfer
Frank Schäfers literarische Rock’n’Roll-Ernte von Hartmut El Kurdi
Zwei Bücher hat der Braunschweiger Autor Frank Schäfer im vergangenen Jahr veröffentlicht: das erzählende Nachschlagewerk „Heavy Metal - Geschichten, Bands und Platten“ (Reclam Leipzig) und den Rockroman „Die Welt ist eine Scheibe“ (Oktober Verlag). Nun könnte man meinen, hier mache ein Freund harter Rockmusik sein Hobby zum Beruf und produziere Texte vom Fan für den Fan. Und läge damit doch so schrecklich falsch. Natürlich mag Schäfer Heavy Metal, und wahrscheinlich könnte er mit seinem Fachwissen in punkto LP-Erstveröffentlichungsdaten und Band-Line-Ups mit jedem x-beliebigen Kuttenträger mithalten, aber trotzdem sind seine feinziselierten, (selbst-)ironischen Erörterungen Lichtjahre entfernt vom unreflektierten Geplapper eines naiven Rock-Jüngers. So erweist sich Schäfer in „Heavy Metal“ als ein kulturwissenschaftlich bewanderter, aber vor allem unterhaltsamer Plauderer, der die schwermetallischen Fakten so verpackt, dass sie selbst dann noch mit Genuss zu lesen sind, wenn man sich eigentlich nicht die Bohne für eben jene Fakten interessiert. Immer wieder gelingt es ihm, lange erzählende Passagen (z.B. über den Besuch des „Wacken“-Open-Airs) in das Sachbuch einzubauen und so subjektive Erlebnisberichte aus einer fremden, seltsamen Welt zu liefern, die natürlich stets von seiner tiefen Liebe zum Turbo-Rock’n’Roll zeugen, aber gleichzeitig beweisen, dass man eigentlich über alles fesselnd, komisch und klug schreiben kann, wenn man nur das nötige sprachliche Handwerk besitzt und – ja, das Herz muss man schon auch am rechten Fleck haben. Im ersten rein belletristischen Werk Schäfers, dem Rockroman „Die Welt ist eine Scheibe“ ist für Herzensangelegenheiten verschiedenster Art genregemäß noch mehr Platz: ein junger Gitarrist träumt mit seiner Band Adrenalin vom großen Durchbruch und damit von einem Leben jenseits der sich nach dem Abitur abzeichnenden drohenden Normalität, man hängt im Proberaum ab, übt sich die Finger wund, klopft Sprüche, und dann schlägt das Schicksal zu und die Liebe durch – denn natürlich ist auch eine junge Dame im Spiel. Und das macht die Sache bekanntermaßen nicht einfacher.
Obwohl der Roman ausdrücklich in den 80ern spielt, gelingt Schäfer eine zeitlose Beschreibung jugendlichen Alltags auf dem platten Lande zwischen Dorf-Disco und elterlichem Eigenheim. Es geht hier auch gar nicht um Musik, sondern um Leidenschaft und Hoffnung. Schäfer nimmt diese existenziellen Themen ernst, erzählt die Handlung zügig und gerade durch, lässt es sich aber nicht nehmen, immer wieder kleine sprachartistische Zaubereien, Aperçus und ironisch-anachronistische Stilzitate einzuflechten. Jeder Hard- Rock-Landwirt versteht, wenn Schäfer schreibt: „Bernie ging unter freundlichem Applaus ins Licht, wir drei stöpselten ein, Knüppel zählte auf den Sticks bis vier – und dann mähten wir los, denn wir waren zum Mähen bestellt.“
text: hartmut el kurdi
fotos: constantin harazim
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