Braunschweiger Bands auf dem Vormarsch

Festtagsstimmung

„Braunschweig ist das neue Seattle Deutschlands“ – Zu diesem Statement lies sich ein Braunschweiger Musiker nach dem Gewinn eines Rockwettbewerbs im Jahre 1995 verleiten. Damals wirkte diese an die Grunge-Explosion zu Beginn der Neunziger angelehnte Aussage etwas vermessen, heute hätte sie durchaus ihre Berechtigung: Ähnlich wie Seattle fristet auch Braunschweig ein Dasein im Schatten der Medienmetropolen und hat trotzdem eine florierende Musikszene. Diese spült zurzeit eine Flut von Newcomern an die Oberfläche, deren Arbeit mit einer beeindruckenden Anzahl lukrativer Plattenverträge belohnt wird.

Und das in einer Zeit, in der die Musikindustrie über rückläufige Verkäufe klagt und beim Signing neuer Bands vorsichtig wie nie zuvor ist. Der wesentliche Unterschied Braunschweigs zur „Hauptstadt des Grunge“ ist allerdings, dass es keinen Braunschweig-typischen Sound gibt, die Szene ...

„Wir wollen in den nächsten Jahren zu einem der größten und interessantesten Live-Acts Europas werden“ SONNIT

...deckt eine große Bandbreite ab, der lediglich hohe musikalische Qualität gemein ist. „Wir wollen in den nächsten Jahren zu einem der größten und interessantesten Live-Acts Europas werden“, zeigt sich die Band Sonnit (ehemals Eat Her Eyes) selbstbewusst. Diese markigen Worte gründen sich nicht zuletzt auf einen unlängst abgeschlossenen Majordeal mit Epic/Sony, der ihnen die Möglichkeit gibt mit A-Ha-Produzent Roland Spremberg zu arbeiten. „Unser absoluter Wunschpartner! Er kann erwachsene Popmusik wie die unsere perfekt inszenieren. Bis Ende des Jahres wollen wir mit ihm in mehreren Studios unser Album produzieren, um es im Frühjahr zu veröffentlichen.“ Trotz aller Euphorie wissen Sonnit das Potential eines Major-Deals realistisch einzuschätzen: „Ein Plattenvertrag ist ja kein Lottogewinn, sondern gibt einer Band lediglich erst mal die Möglichkeit ernsthaft zu arbeiten und eine Platte zu veröffentlichen“.

„Ein unterschriebener Plattenvertrag löst bei einer Band natürlich immer zunächst einmal Begeisterung aus, dabei fangen die Probleme damit erst an.“ VIVID

Ernsthafte musikalische Arbeit betreiben die Kollegen von Vivid schon länger und haben dabei alle Sonnen- und Schattenseiten des Major-Business kennen gelernt. „Ein unterschriebener Plattenvertrag löst bei einer Band natürlich immer zunächst einmal Begeisterung aus, dabei fangen die Probleme damit erst an“, stellt Drummer Torsten Kluske ernüchtert fest. Vivid veröffentlichten kürzlich ihr drittes Album »Auto All«, eine sehr ausgereifte, leicht melancholische Gitarrenpopplatte beim Major Virgin. Trotz guter Kritiken blieb diese jedoch hinter den Verkaufserwartungen zurück. Resigniert hat man trotzdem nicht: „Man lernt im Lauf der Zeit, dass das, was man selber gut findet, nicht unbedingt kommerziell erfolgreich sein muss. Wir hoffen, dass unsere am 1. Oktober erscheinende dritte Single »10000« und die Herbsttour (Tourabschluss: 16.10., Kulturscheune, SZ) das Album noch ein wenig pushen werden.“ Ebenfalls die dritte Singleveröffentlichung steht bei Hyper Child an, allerdings noch vor Release ihrer Debut-LP bei der Columbia. „Ich sehe uns allerdings weniger als Single-Band und setze deshalb meine Haupterwartungen auf unser Album »Easily«, welches im Januar kommen soll“, erklärt Frontmann Axel Bosse. Das bereits eingespielte Werk beschreibt er als „breit gefächerte Mischung aus Balladen, Pop- und Rocksongs. Wir sind aber mutiger geworden, haben auch ein paar Experimente eingebaut.“ Hyper Child gingen bei der Labelsuche sehr systematisch vor; die zurzeit in Hamburg ihr Debut produzierenden Pop-Punker Lekker kamen eher zufällig zu ihrem Deal mit Polydor: „Wir spielten als Support bei einem Showcase im ...

„Unsere Entscheidung fiel bewusst gegen Major-Company und für Unabhängigkeit und Eigenständigkeit.“ ROSENFELS

...Hamburger Logo und die Plattenfirmenvertreter fanden uns irgendwie interessanter als die Hauptband.“ Das Ergebnis der Aufnahmen kann man auf dem im Frühjahr erscheinenden Debutalbum und auf der erstenSingle zum Jahresende hören. Wichtiger Angelpunkt im Braunschweiger Musikbusiness ist die Agentur Undercover Entertainment. Diese managed neben den bereits erwähnten Sonnit und Lekker auch das erfolgreiche Piano-/Gesangs-Duo Rosenfels. Sven Brandes und Michael Röhl gehen seit Jahren konsequent ihren eigenen Weg, losgelöst von großen Plattenfirmen und den damit verbundenen Risiken: „Wir freuen uns für die Bands, sind aber auch skeptisch. Unsere Entscheidung fiel bewusst gegen Major-Company und für Unabhängigkeit und Eigenständigkeit.“ Der Erfolg gibt ihrem Vorgehen recht, die Vorverkäufe für die Tour zur neuen Single »Waiting for the Daylight« (14.11., CinemaxX, BS) laufen gewohnt gut. Auch die Erwartungen an den im Februar erscheinenden Longplayer sind hoch. Eine weitere wichtige Braunschweiger Keimzelle sind die Crossover-Pioniere Such a Surge, die nicht nur unlängst eine gefeierte Platte unter dem Decknamen Pain in the Ass veröffentlichten, sondern auch diverse Seitenprojekte generieren: Gitarrist Dennis Graef veröffentlichte schon im Frühjahr seine experimentelle »Valentinswerder«-LP in Eigenregie, während Drummer Anteks Rockband Revolver und Originalton, der Alleingang von Rapper Olli in den Startlöchern stehen. »The Unholy Mother Of Fuck«, das in Stockholm mit Kultproduzent Tomas Skoksberg (Backyard Babies, Entombed, Hellacopters) produzierte Revolver-Debut klingt laut Eigenaussage „als würde man von einer Dampfwalze überfahren! Purer, harter Rock’n’Roll ohne Überraschungen oder Stilbrüche.“ Mit Rock’n’Roll hat Originalton erwartungsgemäß wenig zu tun, Rapper Olli beschreibt das für Frühjahr angepeilte Werk als „breit gefächerte HipHop-Platte, der man anmerkt, dass ich noch einen anderen Hintergrund habe. Vor allem in den Refrains schlägt sich eine gewisse Melodieverliebtheit nieder, ohne dass ich jetzt Arien singen würde!“ Ebenfalls aus dem Surge-Umfeld kommt Kai Voepel, dort zuständig für grafische Arbeiten. Zusammen mit Gitarrist Friedemann und Sängerin Caro (auch bei Tenfold Loadstar tätig) hat er unter dem Namen Hi-Ho Silver »Hallo Hello« eine „schräge akustisch-elektronische Popplatte“ produziert. Auch wenn HipHop-Braunschweig zu Anfang der Neunziger durchaus hoffnungsvoll war existiert heute nur noch eine ernst zu nehmende HipHop-Crew: Die L.P. veröffentlicht zum Jahresanfang ihr zweites reguläres Album »Opus Magnum« beim Dortmunder Deck8-Label und hat damit gute Chancen auf einen Bundesliga-Platz: „Wir denken, dass wir Sachen machen, die man so in Deutschland noch nicht gehört hat.

„Die Labels sind natürlich auch aufgeschlossener als bei Bands, die aus dem Nichts kommen. Es wird aber trotzdem keinen „Featuring MTV-Moderator...“-Sticker auf unserer CD geben.“ UNDERWATER CIRCUS

»Opus Magnum« existierte als Titel schon lange, aber wir fühlten uns erst jetzt reif ihm gerecht zu werden.“ Spartenmusik ganz anderer Art machen die Metaller von Headshot, demnächst schon auf Album Nr. 3 »Diseased«: „Old-School Thrash-Metal, teilweise mit Slayer-Schlagseite“ steht auf der Speisekarte und das in höchster Qualität. Moritz Hoffmeister, Ex-Drummer von Headshot beschreitet mittlerweile ganz andere musikalische Pfade: Zusammen mit dem ehemaligen Milch-auf-Ex-Sänger und jetzigem MTV-Moderator Markus Schultze, Ex-Schröders Basser Hagen Gödicke und dem Essener Gitarristen Alberto Alvarez spielt er unter dem Namen Underwater Circus punkigen Gitarrenrock mit dem Ziel „ganz groß anzugreifen“. Erster Schritt ist die Teilnahme an der MTV-Brandneu-Tour mit den Donots (25.10., Capitol, H), parallel bewirbt man sich mit einem professionellen Demo bei diversen Major-Labels. Des Vorteils ein bekanntes Gesicht in den Reihen zu haben, sind sich die vier durchaus bewusst: „Natürlich haben wir es leichter. Wir müssen uns nicht sorgen, ob unser Video gespielt wird, und die Labels sind natürlich auch aufgeschlossener als bei Bands, die aus dem Nichts kommen. Es wird aber trotzdem keinen „Featuring MTV-Moderator...“-Sticker auf unserer CD geben.“

„Früher gab es in Braunschweig viel Neid und Missgunst. Mittlerweile existiert eine gute Kommunikation unter den Bands, viele starten Projekte, alle kennen und helfen sich.“ ROSENFELS

All diese Bands haben eine wichtige Stufe schon erklommen, Verträge die die Veröffentlichung von Tonträgern ermöglichen sind abgeschlossen oder stehen unmittelbar bevor. Noch nicht ganz soweit, aber trotzdem erwähnenswert sind für uns noch Bands wie Flow-Fy, Brenner, Francesco, The Twang, Kyova, Quyd, Cobra Gang, Kaltmiete, Shaved, Staircase oder Spancer, von denen man demnächst bestimmt noch einiges hören (und hier lesen) wird. Bleibt die Frage „Warum gibt es so eine hohe Banddichte in unserem beschaulichen Städtchen?“ – Keiner weiß nichts genaues, Christian von Lekker meint, man könne „in Braunschweig einfach nicht viel anderes als Musik machen...“ Einig ist man sich allerdings über die gute Atmosphäre innerhalb der Szene. Rosenfels-Pianist Michael spricht sogar von einer „familiären Stimmung“: „Früher gab es in Braunschweig viel Neid und Missgunst. Mittlerweile existiert eine gute Kommunikation unter den Bands, viele starten Projekte, alle kennen und helfen sich.“ Festtagsstimmung also aller Orten. Hoffen wir, dass diese nicht irgendwann in Depression umschlägt, wenn sich die mit dem Aufschwung verbundenen Hoffnungen nicht in allen Fällen erfüllen.

text: toby schaper
fotos: archiv

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