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Singles sind arrogant, karrieregeil, geizig und selbstsüchtig. Oder verklemmt, hässlich, weltfremd und depressiv. Oder zu verantwortungslos, zu gutgläubig, zu anspruchsvoll und zu schlecht im Bett. Soziale Wracks, höchstens der medialen Vermarktung würdig, die Verlierer unserer Gesellschaft. Oder doch die Gewinner? Weil sie jeden Tag neues Frischfleisch aufreißen, jede Nacht ohne zermürbendes Geschnarche schlummern, also absolut ihr eigenes Leben leben können? SUBWAY hat den Tropenhelm aufgesetzt, den weißen Kittel angezogen und sich auf die Suche gemacht. Nach dem, was sich wirklich hinter Krankheit und Mythos Single-Dasein verbirgt. Die Teilnehmer unserer IchwillkeinSinglemehrsein-Aktion waren brav und haben Rede und Antwort gestanden. Hier für Euch das exklusive Ergebnisprotokoll.
Single – was ist das?
Vanessa Mustermann ist vierzehn Jahre alt. Sie liest am liebsten Bille-und-Zottel-Bücher, schwärmt für die No Angels und versucht neuerdings sich so zu schminken wie die Stars von GZSZ. Im Sommer trifft Vanessa sich mit ihren Freundinnen im Freibad, wo sie heimlich Bravo lesen und eng verschlungene Pärchen beobachten. Manchmal, kicher, reden sie auch ein paar Worte mit den Jungs aus ihrer Klasse, was, kicher-kicher, aber gar nicht so einfach ist, weil die Jungs, kicher-kicher-kicher, eigentlich noch ziemlich blöd sind und Vanessa sowieso die ganze Zeit kichern muss. Dabei hätte sie ja so gerne einen Freund. Ist Vanessa ein Single? Mit Sicherheit nicht. Auch wenn sie noch so gern einer wäre, weil das ja soo erwachsen klingt. Und auch ist. Denn soziologisch definiert gelten nur diejenigen als Singles, die zwischen 25 und 55 Jahre alt und wirtschaftlich unabhängig sind, keinen festen Partner haben und in einem eigenen Haushalt leben. Bei deutlich Älteren wird das Allein-Sein als normal angesehen, da diese meist geschieden oder schon verwitwet sind. Vanessa und ihre Freundinnen sind von der Definition ausgeschlossen, da sie noch mitten in der Persönlichkeitsentwicklung stecken, also noch viel zu sehr „Kindskopf“ sind, um eine feste, zukunftsträchtige Partnerschaft eingehen zu können. Darum geht es wahrscheinlich auch nicht. Beim Eis essen Hemmungen und Gekicher abzubauen, ist wohl eher das Ziel. Ob ernsthafte Single-Aktionen ein praktischer Weg sind, ist eine andere Frage.
Single – wie ist das?
Es ist aus. Endlich. Endlich gehören die Disco-Nächte wieder mir, keine Bremse mehr an meiner Seite, Freiheit ich komme. Oh du, mein geliebtes Single-Dasein! „Ich kann hemmungslos flirten, wann und wo ich will“, nennt Anke Theil einen entscheidenden Vorteil des Alleinseins. „Es ist also gar nicht so schlecht, Single zu sein.“
Gar nicht so schlecht, weil man auf niemanden Rücksicht nehmen muss und so leben kann, wie man will. Der Mensch, ein rücksichtsloser Egoist? „Ohne einen festen Partner ist man zwar unabhängig, aber es fehlt etwas im Leben“, weist Heinz Rocker darauf hin, dass der Mensch eben doch ein Herdentier ist. „Denn in einer Beziehung kann man sich mit jemandem auseinander setzen und seine Persönlichkeit weiterentwickeln.“ Wesentlich pragmatischer beschreibt Richy Riggle seine momentane Einsamkeit: „Mir fehlt Nähe, Sex und Geborgenheit.“ Die persönliche, uneingeschränkte Entfaltung nützt also nicht immer. „Es gibt einfach Sachen, die zu zweit schöner sind und die man nicht unbedingt mit einer Freundin macht“, bringt Kerstin Knackstedt einen Beziehungs-Hauptaspekt noch mal auf den Punkt. Von den einstigen Hippie-Idealen, Sex mit allen, Ruhe in mir selbst und Frieden mit der Welt, ist also nicht viel übrig geblieben. Die freie Liebe ist anscheinend nichts, gegen die einzig wahre.
Single – warum?
Damals, ja damals, da war alles viel einfacher. Da hat Bauers Liese Bäckers Fritze schon im Sandkasten geheiratet, es gab viele Kinder und wenn keiner im Krieg gefallen ist, sind sie noch heute glücklich. Zumindest nicht allein. In den dunklen Anfängen des 20. Jahrhunderts wurde selten aus Liebe, sondern meistens aus wirtschaftlich-rationalen oder kirchlich-moralischen Gründen geheiratet. Beziehungen mussten Sicherheit garantieren und nicht das Paradies auf Erden verwirklichen. Heute haben wir ausgefeilteste Vorstellungen davon, wie der oder die Zukünftige aussehen soll und welcher Charakter unabdingbar ist, damit wir uns verlieben können ohne uns eingekerkert zu fühlen. Der in Kontaktanzeigen gesuchte „Traumpartner“ ist keine Phantasie mehr, sondern konkrete Forderung. „Ich habe bisher noch nicht das gefunden, was mich reizt“, begründet Jette Haaso ihr Single-Leben wie viele andere. Wahnwitzige Schönheitsideale, perfektionistische Beziehungsvorstellungen und der teilweise zwanghafte Drang zur Selbstverwirklichung erschweren das prinzipiell doch einfache Liebesglück. „Vielleicht bin ich zu anspruchsvoll“, gibt Jennifer Haffke nicht ohne Stolz zu. Ich bin Single, dass kann auch kokett meinen: Ich bin etwas Besonderes und nicht so leicht, geschweige denn für Mister/Miss 08/15 zu haben. Doch meistens ist das Gegenteil von strotzendem Selbstbewusstsein die Ursache einsamer Fernsehnächte. Denise Runge nennt das Problem beim Namen: „Ich bin schüchtern und lerne auf der Straße nicht sehr viel Leute kennen.“ Es sind eben die wenigsten so dreist zu sagen, ich bin allein, du bist allein, lass uns ‘ne Runde knutschen. Ein weiterer Faktor ist natürlich auch die Arbeit. Wer etwas werden möchte, muss in seinen Job gewaltig investieren und oft landet dabei auch das Privatleben auf dem Opferaltar. Männer ehelichen zunehmend das Büro und Frauen gebären keine Kinder mehr, sondern Marketingstrategien. Wirtschaftliche Unabhängigkeit contra partnerschaftliche Geborgenheit? Menschen wollen heutzutage viele Dinge. Doch im Grunde spricht Carola Beier allen aus dem Herzen: „Ich brauche Liebe.“
Single – wie nicht mehr?
Freitag Abend in Deutschland. Mädchen zwängen sich in knappe Oberteile, verboten kurze Röcke und unverschämt hohe Lieb-mich-Stiefel. Junge Typen gelen sich die Haare zurecht und legen das gute Aftershave auf. Wer eine Telefonnummer ergattern oder gar in Begleitung nach Hause gehen möchte, darf sich weder lumpen noch gehen lassen. Der erste Eindruck zählt. Und zwar der optische. Auch ein guter Charakter wird nicht im Müllsack entdeckt. Geschweige denn lieben gelernt. Da können die Leute so viel schwören wie sie wollen. Anders sieht es da bei den Dating-Diensten des WorldWideWeb aus. Wer will, kann sich in den zahlreichen Chats nicht nur verbal sexuell fortbilden, sondern neben flüchtigen Abenteuern tatsächlich auch die große Liebe finden. Weltweit. Das suggerieren zumindest immer wieder sensationssuchende Fernseh- aber auch ernsthafte Zeitungsmagazine. Renate aus Deutschland lernt im Netz Gordon aus Kanada kennen und so weiter. Die Idee ist nahe liegend. Stellt sich ein Chat-Partner als ernsthaft heraus, lässt sich leicht feststellen, ob man mit ihm auf einer Wellenlänge ist, oder nicht. Ohne das die Optik gedankliche Qualitäten korrumpiert. Das „Innere“, auf das es, angeblich, allen ankommt, hat quasi Narrenfreiheit. Flirten ohne Blickkontakt kann irgendwie auch sehr prickelnd sein. Natürlich gibt es im Internet auch einen Haufen Datenbanken, in denen man seine Anzeigen aufgeben und sich selbst mit Foto und Steckbrief vermarkten kann. Allerdings ist aufgrund des großen Angebotes auch das Risiko relativ hoch, an eine unseriöse virtuelle Partnervermittlung zu gelangen, die persönliche Daten einfach willkürlich weiter gibt. Und in wie weit hilft ein neues Single-Magazin wie Ich will kein Single mehr sein (liegt dieser SUBWAY-Ausgabe bei!) oder am 3. November Braunschweigs größte Single-Party im Jolly Joker? Kann man so seinen passenden Partner finden? „Alles ist möglich“, glaubt Gülçin Ünlü. Wir auch. Die Liebe ist nun mal ein seltsames Spiel. Aber: Der Einsatz lohnt sich!
text: maraike steding, susann sachse fotos: marc stantien, ritex
styling: G.K.’s Hair House, wohlfühlen
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