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Er spielte Theater unter Bertold Brecht, sang »Jazz und Lyrik«, rebellierte im DEFA-Kultfilm »Spur der Steine«: Manfred Krug. Nach seiner Übersiedlung in den Westen war er als Fernfahrer »Auf Achse«, als Anwalt »Liebling Kreuzberg« und als Kommissar immer am »Tatort«. Nun hat sich Telekom-Aktien-Testimonial und Adolf-Grimme-Preisträger Krug wieder seiner alten Passion, der Musik, zugewandt. Mit seinem Krimi-Kumpel Charles Brauer nahm er kürzlich die CD »Tatort – die Songs« auf: Vierzehn Easy-Listening-Evergreens irgendwo zwischen Swing und Schlager.
In Ihrem Buch »Abgehauen« schrieben Sie im Klappentext: „Schauspieler, früher Sänger“. Hatten Sie das Thema Singen da schon abgehakt?
Ja, ich hatte eine Weile aufgehört zu singen. Solange ich in der DDR lebte, schien mir die Singerei sinnvoll, weil ich dort als Jazzsänger – als Schlagersänger sozusagen – eine Rarität war. Amerikanische Produktionen gab es so gut wie nicht zu kaufen, und wenn, dann in geringer Auflage, denn es mussten allein für die GEMA Devisen gezahlt werden. Als ich hier herüber kam, wollte ich fröhlich weitermachen. Es entstand eine Platte, die optimistischerweise »Da bist Du ja« hieß. Aber ich war damals im Westen so gut wie unbekannt. Wir alle waren froh, dass wir mit knapper Not die Produktionskosten einspielen konnten. Obwohl ich dafür die »Goldene Europa« erringen konnte, waren mir die Schallplattenbetriebe nicht mehr so gewogen. Ich habe mich wieder auf meine eigentliche Arbeit konzentriert, die Schauspielerei.
Was hat Sie nach zwanzig Jahren gereizt, wieder zu singen?
Mein Freund und Kollege Charles Brauer und ich konnten mit unseren Tatorten im Laufe der Jahre mehr und mehr Zustimmung beim Publikum finden. Eines Tages stellten wir fest, dass wir beide ganz passabel singen konnten und auch geschmacklich von derselben Art waren. Charles Brauer liebte wie ich den Swing und den Westcoast-Jazz, den es seit den 40er Jahren gab. Oft trällerten wir in den Drehpausen leise vor uns hin. Das fiel eines Tages einer Fernsehredakteurin auf, und die sagte: „Ihr könnt ja so niedlich singen, wollt Ihr das nicht in einen Tatort einbauen?“ Wir bauten es mit Freuden ein und sind bis heute Tage die einzigen singenden und swingenden Kommissare im Tatort.
Nach welchen Mustern haben Sie die Lieder auf der neuen CD ausgewählt?
Nach gar keinen. Alles, was in unseren Tatorten je gesungen wurde, ist auch auf der CD. Die Auswahl geschah eher zufällig, per Telefon. Es sind lauter Lieder, die einem irgendwann mal im Leben begegnet sind, die einen angerührt hatten und unseren Hang zur trivialen Musik nicht verbergen.
Früher soll Ihre Gesangslehrerin Ihnen einmal abgeraten haben zu singen. Warum haben Sie es dennoch gemacht?
Ich weiß nicht, wo Sie die Geschichte her haben, ich hatte nämlich nie eine Gesangslehrerin. Aber auf der staatlichen Schauspielschule Berlin gab es eine Stimmbildnerin, die auch Gesänge einstudiert hat – eine wuchtige Dame aus West-Berlin mit sehr eigenen pädagogischen Vorstellungen. Sie verglich mich mit einem alten Haus, das sie erst einmal in die Luft sprengen müsse, und aus den Trümmern wollte sie mich dann neu aufbauen. Das war mir gruselig, davor hatte ich Angst. Deswegen habe ich ihren Unterricht verlassen und wir konnten keine Freunde mehr sein. Ich war nämlich der Ansicht, dass man das, was einem der liebe Gott gegeben hat, bewahren und ausbauen sollte. Und ich wollte ja damals schon eine andere Art von Musik studieren als den Schmettergesang, den man auf deutschen Operettenbühnen braucht. Mit diesem Pfündchen wollte ich wuchern. Ich wollte der Trümmerhaufen nicht sein, aus dem diese Dozentin ein neues, aber sicher hässliches Haus wieder aufbaut.
War es damals in der DDR möglich, Schallplatten westlicher Musiker zu kaufen?
Manchmal brachte Amiga eine Lizenzplatte heraus, die in wenigen Minuten vergriffen war, denn die Leute standen Schlange danach. Ansonsten hörten wir Radio. Es gab ja auch schon UKW-Sender, die nicht gestört wurden. Auf meinem Magnetofon der Marke Smaragd nahm ich manche lange Nacht Musiksendungen auf.
Haben Sie irgendwelche musikalischen Vorbilder?
Aber ja, eine Welt voll von Vorbildern. Ich kann sie nicht alle aufzählen. Immer habe ich ihnen mit Bewunderung, aber auch mit Neid gelauscht. Von Frank Sinatra bis Ray Charles, von Sarah Vaughn bis Ella Fitzgerald. Wenn man diese Zeit addieren könnte: ich weiß nicht, wie viele Jahre ich ihnen allen zugehört habe. Ihre Seele, ihre Phrasierung, ihre musikalische Intelligenz, ihr Reichtum. Ich habe auch all die singenden Musiker gehört von Nat King Cole bis Chet Baker, von Louis Armstrong bis Louis Prima. Sie alle haben mir geholfen, musikalischen Geschmack zu entwickeln. Und dennoch, als Vorbilder würde ich sie alle nicht bezeichnen. Ich wollte sie nicht nachahmen, sondern einen eigenen Charakter finden. Und solange es kein Publikum gab, das mich hören wollte, habe ich mit meinen Kindern und Enkeln gesungen, in der Badewanne. Da klingt es so schön.
Werden wir Manfred Krug bald einmal live erleben können?
Nö. Auf Bühnen habe ich genug gesungen. Der alte Rabe kräht nur noch im Studio. Ich habe ja auch noch einen anderen Beruf und Text lernen wird im Alter immer schwerer. Wie sollte das gehen, abends Konzerte und tagsüber drehen? Noch treffe ich die meisten Töne. Wir werden sehen, ob die Leute sie hören wollen.
foto: ndr
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