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Mit der Jahrgangsstufe 12 nach Berlin. In die Hauptstadt, wo das Nachtleben tobt, die Trends entstehen, das Leben pulsiert. Und abends bist Du dann doch in der Nähe vom Ku’damm im „Bierdorf“, einer Kneipe, wo außer uns noch siebenundzwanzig besoffene Hertha-Fans und ein Haufen Holländer zu Dorfdiscomusik tanzen. Aber das Bier kostet nur die Hälfte, die Mädchen werden von den Holländern umschwärmt, man knutscht ein bißchen, kotzt später auf den Ku’damm und findet alles super. Hey, wir sind schließlich in Berlin. Big in Berlin!
So heißt auch die neue Single der Sterne, und genau das ist auch gemeint, wie Schlagzeuger Christoph erzählt: „Siebzehnjährige fahren in eine aufregende Metropole. Und das ist von Hamburg aus eben Berlin. Siebzehnjährige kommen in diese aufregende Stadt, sind natürlich total beeindruckt und benehmen sich dann so daneben. Das ist eigentlich das ganze Stück. Denn man selber fand das ja auch aufregend und toll, in ’ne große Stadt zu fahren und zu gucken, was da so abgeht. Auch wenn man sich heute vielleicht dafür schämt, was man damals alles toll fand. Weil man nun mal nicht in die coolen Clubs gegangen ist, sondern eben nur so Touri-mäßig unterwegs war.“
Aufatmen. Die Fans werden nicht vergnatzt, sondern verstanden. Denn so ungefähr in dem Alter müßte der typische Sterne-Fan heute anzusiedeln sein, oder? „Na ja, nach „Ruiniert“ ist unser Publikum schon sehr viel jünger geworden, aber dann ist es gleich geblieben. Im Vergleich zu Blumfeld ist es sehr viel jünger, im Vergleich zu Tocotronic sehr viel älter.“ Damit sind wir beim Thema: Denn Hamburg rockt. Dieses Jahr wieder einmal. Bzw. popt (& toppt) den Mainstream, wie im Fall von Blumfeld. Ergeht sich in elegischen Midtempo-Indie-Rock, wie im Fall von Tocotronic und hat die Arbeitsweise per Computer für sich entdeckt. Wie im Fall von den Sternen, die auf „Wo ist hier“ Standortbestimmung betreiben. Die natürlich müßig ist, weil man immer in Bewegung ist und schon beim Betreten der „Rockmühle“ auf dem grandiosen Debütalbum feststellen mußte: „Keine Ahnung, wo ich bin. Rock.“ Doch wo damals eine knarzige Gitarre eine merkwürdige Solo-Attrappe gniedelte, kommen hier treibende Beats und Sounds, die eher an den House-Dancefloor erinnern. Doch standen die Sterne seit jeher für guten Groove in wechselndem Gewand, ungeachtet aller – ohnehin konstruierten – gängigen Grenzen. Und Unklarheit besteht bei ihnen nicht über die Sache an sich, sondern eher über Formalitäten wie z.B. die Dauer des Studioaufenthalts: „Die Studiozeit war praktisch auch schon die Entstehung der Stücke. Wir haben jetzt ein Jahr an der Platte gearbeitet, und das muß man auch so geschlossen nehmen. Manchmal haben wir auch nur Schlagzeugsounds oder einen Baß genommen, und da dann drübergespielt, so daß sich die Stücke auch mit den Sounds entwickelt haben.“
Nach vier Alben hatte man keine Lust mehr auf bewährte Arbeitsweisen, da man sich in der Gefahr sah, sich zu wiederholen: „Wir waren schon gelangweilt von den letzten beiden Platten und dachten: Da müssen wir was anders machen, sonst schlafen wir ein. Und dann haben wir uns das Harddisc-Recording eingerichtet. Und man hört, daß wir ’ne andere Arbeitsweise ausprobieren.“ Als Trendzugeständnis soll das aber keineswegs verstanden werden: „Du mußt eben sehen, daß das einfach da ist, und daß wir auch davon beeinflußt sind. Wenn ich in der Kneipe arbeite oder abends ausgehe, höre ich das ununterbrochen. Es geht ja gar nicht, sich dem zu entziehen – wir fanden das einfach lustig, damit zu arbeiten. Und auch spannend.“ Das Ergebnis ist mit unter 40 Minuten recht kompakt ausgefallen.
Konstant geblieben ist das Grundprinzip der Brechung und die Lust an Anspielung und Zitat; so erinnert „Big in Berlin“ vom Titel her an Alphavilles „Big in Japan“, und das Video ist an den Robert Redford-Film „Der elektrische Reiter“ angelehnt. So reitet Frank Spilcker nun stylish durch die Großstadt – allerdings ohne tieferen Sinn, wie Christoph ausführt: „Ich fand die Idee nur gut, mit Leuchtanzug – und Frank sieht ja auch super aus!“ Gemischt wurde der Track von Oldschool-Brit-Pop-Hero Edwyn Collins, ansonsten gab es produzententechnisch Unterstützung von Stella-Keyboarder Thies Mynther – seinerzeit schon mit Tilmann Rossmy bei Die Regierung. „Wir dachten: Damit das nicht Jahrhunderte dauert, brauchen wir jemanden, der mit der Arbeitsweise am Computer vertrauter und versierter ist als wir Anfänger. Am Schluß war er schon so ’ne Art Produzent und hat sehr viel mitgeredet, das war sehr wichtig für die Platte. Live werden Frank und seine Orgel mit Samples arbeiten. das ist jedoch unser einziges Zugeständnis an die Elektronik.“
Wer die Sterne live funkeln sehen möchte, sollte sich am 12.9.99 in den Braunschweiger Bürgerpark begeben. Im „Kulturzelt“ wird die Hamburger Groove-Combo bestimmt jedes „Biest mit einem Beat zerstören“.
Text: Matthias Schröder Foto: Epic/Sony
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