DJ Ax Botar G E S E L L S C H A F T





Gott ist kein DJ

24 Stunden Braunschweig, Folge 4: Auf Tour mit dem Braunschweiger DJ Ax Botar

Eine informative Geschichte über einen DJ zu verfassen, wäre wohl wie Vinyl nach Athen zu tragen. Über welchen DJ reden wir? Über Scratch-Virtuosen, Mix-Wizards, Technopäpste? Oder vielleicht über alle zusammen, die komplette Palette der Plattenleger, die ganze Zunft? Wohl kaum! Wir konzentrieren uns schön auf „unseren“ Mann, den Disc-Jockey aus der Welt der elektronischen Musik. Mal ehrlich, was sollte man auch lange über Typen reflektieren, die noch immer in Rockpalästen oder Bikerkneipen Nazareth und Uriah Heep auf- bzw. einlegen? Trotzdem, der DJ, wer oder was ist das? Ein Alter Ego, eine Unperson, ein Irgendetwas. Das bekannte, unbekannte Wesen – Clown einer ganzen Jugendkultur. Herr über Beats, Treuhänder einer Menge von musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten. Machtmensch und Diener in Personalunion. DJs befriedigen, DJs enttäuschen; DJs sind meistens Männer. DJs könnte ein Lied von Grönemeyer heißen, und die Liste der Persönlichkeiten, die der DJ in einer Person zu verkörpern imstande ist, ist lang und soll hier auch nur zum Teil abgespult werden: Künstler, Musiker, Producer, Macho, Vergewaltiger, Hure, Jäger und Sammler, Mixmaschine, Dienstleister, Handwerker, Wichtigtuer, Crowdpleaser, Popstar und Entertainer.

Genug DJ-Romantik!? „Fahr mit nach Hamburg, ich muß auflegen, das wird witzig“, lautet der Vorschlag „unseres“ Mannes Ax Botar als er hört, daß SUBWAY ihn als Plattenleger 24 Stunden begleiten will. Es ist Sonntag, 5 Uhr in der Früh. Wir befinden uns im Hamburger „Astoria“, dem rennomierten Club mitten in St. Pauli, der so ziemlich alle Vorlieben hipper Partygesellschaften von House, Drum’n’Bass bis Schlager und Bad Taste befriedigt und seit Jahren ein breites Spektrum von Leuten in seinen Bann zieht. Heute morgen ist der 24jährige Braunschweiger für die housige Beschallung des „Club de Früh“ gebucht und hat soeben, ausgerüstet mit zwei Plattenkisten zu je 80 Scheiben, Kopfhörer und ausreichend Zigaretten, sein Set gestartet. 150 Leute mögen den kuscheligen Club füllen, doch im Moment chillen gerade mal 20 an der Theke, im Sitzen. Ax läßt es daher locker angehen – er weiß genau, daß es so besinnlich nicht bleiben wird – spielt Garage und, wie er selbst witzelt, „Handtasche“; „Handbag“, die Brit-Variante für Vocal-House.

Doch schon eine Stunde später ist das „Astoria“ gerammelt voll und unser DJ läßt der schrill zusammengewüfelten Partygemeinde keine Ruhe mehr. Die Sounds werden im Verlauf des Morgens härter, die Beats aggressiver und um einiges schneller; kein Techno, dafür drückender Progressiv-House. Zwischendurch kommen Klassiker auf den Teller, Acts, deren Produktionen Outsidern kaum bekannt sind, aber im Set des DJs zu treibenden Mosaiksteinen werden, aus denen er sein Programm mixt und die House-Gemeinde zum Kreischen bringt. „Hier im Astoria macht es Spaß aufzulegen, weil sich die Leute führen lassen. Irgendwann weißt du als DJ genau, daß die Stimmung gleich explodiert, und das bringt den Kick, der dich und auch die Leute auf der Tanzfläche süchtig macht“, freut sich Ax, der seit acht Jahren als DJ unterwegs ist und bundesweit in mehr als 60 Clubs und auf unzähligen Raves aufgelegt hat. Sichtlich zufrieden mit der Party im „Astoria“, erzählt Ax auf der Rückfahrt nach Braunschweig über seinen Einstieg in die Szene, als er irgendwann zu Beginn der 90er zum ersten Mal einen Set von Marusha auf DT 64 hörte und eine Freundin ihm riet, auch Platten zu drehen. Kurze Zeit später kaufte sich der partygeprüfte Raver sein erstes Mischpult und zwei Turntables und begann zu mixen. Sein erstes Booking bekam der damals 16jährige im guten alten Line-Club, als sich House und Techno in der Region noch auf wenige Insider-Locations beschränkten. Als darauf Techno immer populärer wurde, selbst Mainstream an elektronischer Tanzmusik kaum noch vorbei kam, gab es nur selten ein freies Wochenende für Botar, der nun quer durch die Republik reiste, Platten auflegte, ordentlich abfeierte und zudem noch eine eigene Booking-Agentur gründete. „Ich hab’ mich damals um DJs aus Deutschland, England und Frankreich gekümmert“, berichtet er, „Gagen festlegen, Termine absprechen, Reiseformalitäten klären, man mußte sich um alles kümmern. Am Ende mußtest du sehen, daß drei Parteien zufrieden waren: Booker, DJs und Veranstalter.“

Doch es dauerte nicht lang und Techno verkam plötzlich zum Riesengeschäft. Raves wurden immer größer und zahlreicher, die DJs immer populärer und gieriger; Botar tat trotzdem das, was er für richtig hielt und entzog sich dem Overkill: „Auf einmal fingen alle an zu spinnen. Veranstalter und DJs checkten jetzt, daß hier die große Kohle zu machen war. Da hatte ich keinen Bock mehr und hab’ die Agentur an den Nagel gehängt.“

Doch vom Auflegen kam er seitdem nicht los und wenn er länger als vier Wochen aussetzt oder anderen DJs bei der Arbeit zusieht, verspürt er ein sonderbares Gefühl in den Fingern und erleidet, wie er betont, eine „mittelschwere Krise“. „Scheiß egal, wieviel Geld es dann gibt, ich muß dann einfach auflegen und feiern. Wenn’s dich einmal gepackt hat, kommst du auch nicht mehr davon los.“, beschreibt er den Rausch, der ihn an der (Vinyl-)Nadel hängen läßt.

Um das Nachtleben der Braunschweiger Szene zu bereichern und sein Verlangen nach guter Musik, ausgelassenen Parties und qualitativ hochwertigen DJs zu befriedigen, eröffnete Ax Botar gemeinsam mit Peter Serafin, der im Brain regelmäßig Parties organisierte, Anfang ’98 das Pearls am Bohlweg. Nachdem der Club zu Beginn hervorragend lief, Ax DJ-Größen wie Daniel Klein, George Morel, Eric D. Clark und Phil Fuldner holte, kam nach knapp einem Jahr die große Ernüchterung, und die Location wurde geschlossen. „Die Braunschweiger Szene ist schwer einzuschätzen“, stellt er mit nüchterner Stimme fest, „die Leute hier sind sehr ungeduldig und verlieren schnell das Interesse. In Hamburg ist das schon anders. Da pendeln die Leute von Club zu Club; egal, wie weit die auseinanderliegen.“ Daß der Pearls-Club nicht überlebt hat, lag aber nicht ausschließlich an den Braunschweigern, die können nämlich, so Botar, sehr wohl feiern, sondern am komplizierten Umgang mit den hiesigen Behörden. „Es ist schon bitter, wenn man feststellen muß, daß einem massiv Steine in den Weg gelegt werden“, stellt er abschließend fest. „Alle jammern, Braunschweig müsse sich aus dem Schatten Hannovers lösen, aber irgendwie passiert dann doch nix, und schon gar nicht von Seiten der Behörden. Aber zu einer Großstadt gehören nun mal nicht nur gute Einkaufsmöglichkeiten, sondern auch schöne Clubs, die das Nachtleben attraktiv machen.“ Wirft er als DJ nun alles hin und sein Vinyl in die Tonne? Wohl kaum, denn neben seiner Tätigkeit als Designer bei New Yorker wird Ax Botar auch weiterhin durch Deutschland reisen und auflegen (am 11.2. übrigens gemeinsam mit U.S.-Star George Morel im Schwanensee) und außerdem in seiner knappen Freizeit selbst House produzieren. „Vielleicht ’nen fetten Hit landen, das wär’s doch!“, hofft er, als wir matt und müde, aber gut gelaunt wieder in heimische Gefilde gelangen.

Text: Andreas Astalos
Foto: Privat









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