Zu Besuch beim Kölner Radioseelsorger Jürgen Domian
Jürgen Domian gilt als die Ausnahmeerscheinung unter den Talkmastern. Seine Sendung „Domian“, die fünfmal wöchentlich zu nachtschlafener Zeit zwischen 1 und 2 Uhr morgens parallel im WDR Fernsehen und auf Radio Eins Live ausgestrahlt wird, ist längst zu einer Kult-Show und einem Quotenrenner geworden. Was ihn heraushebt, ist die Vertrautheit, mit der der 39jährige Rundfunkjournalist seinen Anrufern begegnet. Domian ist das offene Ohr, Beichtvater und große Bruder.
SUBWAY: Nach 5.000 Gesprächen - bekommen Sie bisweilen nicht den Eindruck, daß das menschliche Schicksal, Leid, Liebesglück und -katastrophen sich trotz aller Individualität dann doch nur auf ein paar hundert Varianten reduziert?
„Das ist ein Punkt, über den wir zu Beginn der Sendung diskutiert haben: wie lange kann man ein solches Konzept fahren, bis es ausgelaugt ist. Ich mache allerdings eine kuriose Erfahrung: natürlich wiederholen sich unsere Themen, aber in steter Regelmäßigkeit gibt es gute Geschichten, die uns im Redaktionsteam aus den Schuhen hauen, sprachlos machen oder einfach berühren, die einfach abgefahren sind. Ich gehe deshalb jeden Abend mit Spannung und Lust ins Studio. Wenn dies einmal nicht mehr ist, weiß ich, daß es Zeit ist damit aufzuhören.“
Was erwarten die Anrufer?
„Viele sehen mich als einen letzten Strohhalm. Die haben niemanden, mit dem sie darüber reden können. Kürzlich hat eine Frau angerufen, die vor sieben Jahren von ihrem Mann mit der Faust vergewaltigt worden war und es bis heute niemandem erzählt hatte, obgleich sie dieses Erlebnis tief belastete. Weil sie mich kennen, haben viele weniger scheu mich anzurufen als die Telefonseelsorge.“
Sie lassen ihre Zuschauer und Zuhörer von ihrem Faible für Mützen und Hirschgeweihe wissen, daß Sie auch Männer lieben und schon einen flotten Dreier erlebt haben - wo ist für Sie die Grenze der eigenen Selbstoffenbarung?
„Als ich mit meiner Sendung anfing, gab mir mein Redakteur den Rat: „Vergiß`alles, was du als öffentlich-rechtlicher Moderator gelernt hast, vor allem privates gänzlich zurückzunehmen.“ Anfangs hatte ich damit Schwierigkeiten, denn letzlich sitzt man da ganz nackt. Aber diese Gespräche funktionieren wie private Gespräche auch. Man muß auch was von sich preisgeben, um ins Plaudern zu kommen und nicht nur abzufragen. Aber ich wüßte nun auch nicht, was ich nicht erzählen sollte. Ich habe eigentlich keinerlei Geheimnisse.“
Wie geht man nach einer solchen Stunde voller Schicksalsschläge und tragischer Lebensgeschichten aus der Sendung? Haben Sie einen Supervisor?
„Leider nein. Nach jeder Sendung konferieren wir noch eine halbe Stunde, und meist geht es dann im kleinen Kreis noch weiter. Sicherlich habe ich mir durch meine Professionalität einen entsprechenden Umgang angeeignet. Vieles aber versackt auch in der Seele, das ist sicherlich normal und beschäftigt einen immer wieder. Einer Krankenschwester geht es ja ähnlich.“
Die Sendung lebt letzendlich auch durch die Befriedigung des Voyeurismus. Wo ziehen Sie da für sich die Grenzen?
„Ich muß immer im Kopf haben, daß derjenige, der erzählt, sehr schnell vergißt, daß ihm noch so viele andere außer mir zuhören. Ich muß aufpassen, daß er hinterher dieses Gespräch nicht bereut, er eventuell unangenehme Folgen hat. Davor schütze ich die Anrufer, und das bestimmt damit auch die Grenzen.“
Für viele Anrufer sind sie enger Freund, Beichtvater, Vertrauter.
„Mein Image ist tatsächlich eine Mischung aus guter Kumpel, Erika Berger und katholischem Geistlichen - und das obwohl ich alles andere als kirchenfreundlich bin. Sonderbarer Weise hat sich die katholische Kirche schon mehrfach positiv über meine Sendung geäußert. Ich dachte zunächst „Was hab`ich da nur falsch gemacht!“ wahrscheinlich haben die inzwischen auch gemerkt, daß die mit ihrer Seelsorge auch nicht weiterkommen.
Früher waren Sie eine Radiostimme ohne Gesicht, nun sind Sie prominent, Kult und fünf mal die Woche eine ganze Stunde lang nonstop auf dem Bildschirm präsent. Wie verändert das das Leben?
„Das hält sich zum Glück noch in Grenzen. Letzlich ist das natürlich auch eine Selbsterfahrung, die man verdauen muß. Ich gehe grundsätzlich nicht mehr allein in Kneipen, Cafes oder Discos. Das geht einfach nicht mehr. Ich bin froh, daß mir dies erst in diesem Alter passiert. Popularität kann einen Menschen nämlich sehr verbiegen. Ich denke oft an diese Popbands, die ja allesamt meist noch richtige Kinder sind. Wenn denen die ganze Welt zu Füßen liegt, heben die irgendwann einmal ab. Ich habe noch einen alten Freundeskreis, der meine Arbeit schätzt und sich für meinen Erfolg freut, der mich aber auch erdet. Es schmeichelt mir natürlich, wenn man mich auf der Straße grüßt. Ich will das aber auch nicht überbewerten. Ich habe allerdings festgestellt, daß ich Menschen gegenüber mißtrauischer werde: weswegen interessiert sich der jetzt für mich, weil ich jeden Abend meine Nase in die Kamera hänge, oder weil er mich wirklich gut findet?