M U S I K
Kontrolle & CORAgE
Cora E., die HipHop-Queen am Mic & auf CD
Frauen im deutschen HipHop - ein Thema für sich. Es gibt einfach zu wenige. Und noch weniger am Mikro. Eine der wenigen ist Sylvia Macco a.k.a. Cora E., die bereits seit Mitte der 80er dabei ist. Nach Jahren des Herumreisen, Abhängen, Ausprobieren und Reimeschmieden erscheint im Februar ´98 nun endlich ihr lang erwartetes Debüt „CORAgE“. Das erste deutsche „real female HipHop“-Album überhaupt, das nicht mit dumpf-plakativer (Spice)Girl Power, sondern mit gewachsenem (Selbst)Bewußtsein und tiefverwurzelter (Street)Credibility daherkommt. Old und New School gleichermaßen verpflichtet & verbindend ist „CORAgE“ sowohl kompromißlose Autobiographie wie auch konsequente, authentische Außenschau. SUBWAY sprach mit Deutschlands bester Rapperin vor der Veröffentlichung.
SUBWAY: Wir haben uns bereits vor einem Jahr über den Release Deines Albums unterhalten. Warum hat die Arbeit noch so lange gedauert?
„Das hatte mehrere Gründe: Zum einen haben mehrere Produzenten mitgewirkt, die Stieber Twins, Extended Spirit aus Berlin und aus New York die Tinotactics-Leute. Da alle Beteiligten auch noch „normale“ Jobs haben, war es teilweise sehr schwer, die Termine für alle passend zu legen. Desweiteren wurde an dem Album immer wieder herumgefeilt, da wir hundertprozentige Perfektion erreichen wollten. Ich war bei fast allen Arrangements und Mixes dabei, und all diese Faktoren haben die Sache natürlich lange herausgezögert“
Warum wurde mit „Zeig`s mir“ eine eher untypische Cora E.-Single veröffentlicht?
„Dieser Song war auch für mich etwas schwierig, aber ich wollte eben auch einmal ein Liebeslied schreiben. Er ist untypisch, aber als ich den Song in seiner Instrumentalversion gehört hatte, kam der Text ziemlich spontan. „Only you can make me happy“ war ein Song, zu dem ich vor zehn Jahren ebenfalls abgefeiert habe und in dem ich mich damals wiedergefunden habe. Als die EMI den Song mit meinem Text gehört hat, fanden sie es als Single-Auskopplung wohl ideal, gerade fürs Radio. Auf dem Album hat der Track jedoch denselben Stellenwert wie alle andere anderen Songs auch obwohl ich zeigen wollte, daß ich auch noch etwas anderes als die typischen „Cora E.-Dinger“ drauf habe. Insofern war „Zeig´s mir“ eine Herausforderung.“
Gerade „Zeig`s mir“ finde ich als einzige Ausnahme ziemlich grausam. Der yuppie-mäßige Text paßt überhaupt nicht zu Deinem Street-Image...
„Für mich ist es einer der besten Texte, die ich je geschrieben habe. Na ja, der soll halt schon ein wenig selbstironisch sein, es heißt ja nicht, daß es wirklich so ist oder daß ich so lebe, wie ich es hier beschreibe.“
In „Der M.C. ist weiblich“ bemängelst du die niedrige Frauenquote in der HipHop-Szene. Was sind die Ursachen?
„Mir ging es darum zu sagen, daß es sich bei der Annahme, Frauen müßten sich besonders anstrengen oder „anders sein“ um dieselben Ziele (wie ein Mann) zu erreichen nur um ein blödes Klischee handelt. Der Song soll einfach ein Appell an die Frauen sein, daß sie dieses Denken vergessen. Die meisten Menschen meckern einfach nur und sagen: sie hätten keine Chance. Im Prinzip hat jedoch jeder eine Chance, es geht nur darum wer sie nutzt, und wer nicht.“
Eine der wenigen Frauen die mit Sprechgesang Aufsehen erregen ist Frau Setlur...
„Der große Unterschied zwischen uns ist, daß wir einen anderen Hintergrund haben. Ich komme aus der HipHop-Szene, bewege mich in ihr und drücke mich auch durch und in ihr aus. Das tut Sabrina Setlur nicht, dennoch wird sie als „die“ tolle deutsche Rapperin dargestellt, weil die Leute nicht wissen, daß es noch andere Sachen in Deutschland gibt. Ich kann mich aber nicht zurücksetzen und sagen, daß Sabrina gar nicht die beste Rapperin ist, sondern muß voran und es selbst besser machen. Ich muß den Leuten mit „Zeig´s mir“ etwas zum Anbeißen hinschmeißen, und dann kaufen sie sich auch mein Album. Wenn das passiert, habe ich gewonnen. Nicht den Kampf zwischen Sabrina und mir, denn den Kampf gibt es nicht. Es ist einfach für mein Ego, zu zeigen, daß es noch andere Themen und andere Denkweisen gibt.“
Was fällt Dir zu TicTacToe ein?
„Die Mädels tun mir einfach nur leid. Sie sind noch jung und werden jetzt von der Öffentlichkeit auseinandergenommen. Das ist wohl das schlimmste, was passieren kann, und das wünsche ich keinem.“
Mein Lieblingstrack auf dem Album ist „Next stop New York“. Wie schwierig war es, die Kontakte zur Rocksteady-Crew herzustellen?
„Das war relativ einfach, da die Leute, mit denen der Track aufgenommen wurde, zu einem großen Teil Freunde von mir sind, die ich seit Jahren regelmäßig sehe. Es war aber eine Riesenerfahrung für mich, da wir den Song in New York aufgenommen haben. Die Jungs ziehen ihr Ding in jedem Fall durch, sind völlig mit der Materie verwachsen. Und ich weiß, das auch ich immer von der Hip Hop-Kultur umgeben sein werde.
Du bist in Deinen Texten manchmal offen bis zur Schmerzgrenze. Wie schwer ist es für Dich so einen „Seelen-Striptease“ hinzulegen?
„Das ist einfach ein Charakterzug, was manchmal auch gefährlich sein kann. Wenn man sein natürliches Schutzschild nicht so preisgibt, kann man auch nicht so leicht angegriffen werden.“
Text: Christian Göttner
Foto: Spin/EMI
|