Die Sterne - Juli 1997 - SUBWAY Stadtmagazin Braunschweig
M U S I K
Der Diskurs swingt wieder
Interessante Gedanken und coole Collagen von den Sternen
Mit zwei Indie-Veröffentlichungen hatten sich Die Sterne schnell Kult-Status erspielt. Eine bis dahin ungehörte Melange aus funky Rhythmusfraktion und einer groovenden Orgel, die Gitarren untypisch in den Hintergrund gesetzt, dazu im wahrsten Sinne des Wortes merkwürdige Texte, die altbekannte Rockschemata durchbrachen. Nach dem letztjährigen Major-Debut „Posen“ steht nun der Nachfolger im Regal: „Von allen Gedanken schätz` ich doch am meisten die interessanten“, so der sperrige Titel des Albums, auf dem die Hamburger Combo weiter unterwegs ist auf ihrer musikalischen Expeditionsreise.
SUBWAY sprach mit Sänger & Texter Frank Spilker über den derzeitigen Stand der Sterne, die früher angestrebte Abkehr vom Indie-Rock und die nun scheinbar angestrebte Rückkehr zum Format „Song“: „Ich denke, daß wir auf der Suche nach neuen Formaten den Song nicht ausschließen. Es ist immer noch so, daß wir wie am Anfang, ähnlich einer Hip Hop-Band, mit Collage-Prinzipien arbeiten. Nur sind wir mittlerweile als Band routinierter im Umgang damit geworden, so daß man das nicht mehr so hört und die Collagen so klingen wie Songs. Und da haben wir auch nicht unbedingt was gegen.“
Song also nur vordergründig, ebenso wie das nun diagnostizierte Bestreben nach mehr Eindeutigkeit: „Ich finde, daß die Stücke zwar sehr einfach daherkommen, aber immer noch eine zweite Dimension haben, auf der sie mindestens noch genauso abstrakt sind wie andere Platten von uns. Eine Überlegung war, sprachlich etwas zu tun, um kürzere Texte zu schreiben, um Raum zu haben, einzelne Sätze besser wirken zu lassen. Das ist auch was, wo man als Band oder Schreiber erstmal hinkommen muß, einen Song aus einem Satz zu machen und darauf zu vertrauen, daß das wirkt.“ Versucht wird auch ein vorsichtigerer Umgang mit Ironie: „Ein gefährliches Stilmittel im Zusammenhang mit so einer Vermarktung, in der wir uns befinden; wo man davon ausgehen muß, daß viele Leute die Platte hören, die vielleicht nicht ein spezifisch underground-gebildetes Publikum sind, das das auch versteht. Man muß vorsichtig damit umgehen, aber ob man darauf verzichten sollte? Ich glaube nicht!“ Das breitere Publikum ist die Folge der Major-Zusammenarbeit. Glücklich der Gefahr entgangen, als ewiger Insidertip zu enden, sahen die Sterne sich angesichts ihres Schrittes auch deutlicher Kritik ausgesetzt; trotz der Weigerung „Ich esse eure Suppe nicht“ eben doch heimlich mitzulöffeln. Frank nimmt`s locker: „Es wurde gesagt, daß man an Glaubwürdigkeit verliert, wenn man das singt und dann nicht einlöst. Absolut einsichtig, nur funktionieren unsere Songs ja nicht auf diese direkte Weise, daß wir als Band so `ne Vorbildhaltung einnehmen wollten, wie das vielleicht bei den Goldenen Zitronen ist. Der Titel „Risikobiographie“ deutet ja auch an, daß das so nicht funktioniert und irgendwo in einer Flucht endet. Wir sind der Meinung gewesen, daß diese Art der Zusammenarbeit mit einem Major über einen Mittler wie L`Age D`Or, der nebenbei noch auf vielen anderen Gebieten tätig ist und durch das, was wir machen, überhaupt erst finanziell in der Lage ist, Indie-Platten zu veröffentlichen, die sonst keiner machen würde - daß das eine Möglichkeit ist, auch kreativ mit diesem Vermarktungs-Scheiß umzugehen. Wir haben da unsere Nische gefunden.“
Die es auch ermöglicht, sich in Ruhe auf die Musik konzentrieren zu können, ohne ständig nach irgendwelchen Jobs suchen zu müssen. Sich völlig dem Bandalltag widmen zu können, wie er in „Tourtagebuch“ in „zusammengetragenen Beobachtungen, die in Form eines Ich-Erzählers Stimmungen transportieren“, beschrieben wird. Von der irren Idee, der Sänger würde immer aus seinem eigenen Leben erzählen, kann man bei den sonst überwiegend abstrakten Texten des Albuns nicht fehlgeleitet werden. Es finden sich Gedankenspiele über das Mit-dem-Kopf-durch-die Wand wollen und die notwendige Flexibiltät von Konzepten („Abstrakt“), Entscheidungsfindung und Verläßlichkeit sowie die Widersprüche des Daseins, wie in „Klebrig“: „Da klingt halt so durch, daß die Welt nicht so ist, wie sie sein sollte. Trotzdem muß man ja dort existieren. Das schließt sich ja nicht aus, das Bewußtsein darüber, daß man Dinge verändern sollte, und trotzdem im Status Quo zu überleben.“ Letztlich ist auch das Leben im Sterne-Imperium und somit die Stimmung der Platte so gebrochen wie die Realität; positive Akzente werden in dem potentiellen Sing-Along-Hit „Widerschein“ und der stillen Hoffnungs-Hymne „Bis neun bist du o.k.“ gesetzt: „Es ist immer das dazwischen, was das Interessante ist. Da wo`s traurig wird, das mit Humor zu nehmen. Die Grundstimmung der neuen Platte empfinde ich als vielleicht durchgedreht positiv, aber nicht als eitel Sonnenschein.“
Jede Menge interessante Gedanken, gebündelt zu einem Album, das zuerst so sperrig wie sein Titel erscheint, sich langsam aber sicher als wirklich genialer Wurf entpuppt.
Das neue Album thematisiert den Klau von Ideen. Qualität geht „auf jeden Fall über Authentizität,“ meint Spilker. „Die Frage nach dem Original finde ich heutzutage sowieso unmodern, weil alles reproduzierbar ist. Was dem Lied zugrunde liegt, ist das widersprüchliche Gefühl, daß ständig noch über authentische Gedanken geredet wird, was musikalisch überhaupt keine Rolle mehr spielt. Jeder bedient sich bei jedem, und gerade das macht interessante Musik dieser Zeit aus.“