Gotthilf Fischer - Juni 1997 - SUBWAY Stadtmagazin Braunschweig
K U L T U R
Der Chor-Matador
Gotthilf Fischer über Techno, Frieden und Volksmusik
Die Biographie des fast 70jährigen ehemaligen Sportlehrers und langjährigem Chorleiters Gotthilf Fischer ließe sich ohne weiteres mit dem bewegten Leben eines gestandenen Politikers vergleichen: Auszeichnungen mit Bundesverdienstkreuzen, Friedensmesse für Jimmy Carter in Washington, Treffen mit dem Papst in Rom, Besuche im Kreml. SUBWAY versuchte zu ergründen, warum der sympathische Chordirigent aus dem Schwäbischen Ländle, um dessen Autogramm sich betagte Mütterchen jüngst in Hannover mit ihren Gehhilfen prügelten, kontinuierlich Millionen an die Fernsehschirme lockt. Multitalent Fischer, risikofreudiger Extremsportler, Kickboxer, Buchautor und TV-Star in einer Person, missionierte Ende April die Löwenstadt volksmusikalisch und motivierte im Rahmen seiner bundesweiten „Sing mit“-Rachengold-Tour zahlreiche Menschen auf dem Altstadtmarkt zum Absingen seiner Volkslied-Evergreens. SUBWAY traf ihn zum Gespräch.
SUBWAY: Wo liegt der tiefere Sinn der „Sing mit“-Tour?
„Ich möchte nicht nur im Fernsehen große Sprüche klopfen und mit mächtigen Chören auftreten, sondern auch auf die Straße gehen und mit den Leuten singen. Ich finde es traurig und bezeichnend in der heutigen Zeit, daß der Schulchor des Martino-Katharineums in Braunschweig zwar unsere Spende von DM 1.000,- entgegengenommen hat, letztlich aber nicht mit mir aufgetreten ist! Viele Leute bedanken sich bei mir, daß ich den Mut habe, für deutsche Lieder einzutreten.“
Plagt Sie die Angst, daß Ihre Texte nationalistisch mißbraucht werden?
„Lieder werden von jeder Partei mißbraucht! Jede Epoche, jeder Staat nimmt bekannte Melodien, setzt neue Texte darunter, um die Leute zu verführen. Ich singe die alten Lieder in der alten Fassung; auch die vom Dritten Reich, die mißbraucht wurden. Denn die Volkslieder sind vor diesen Zeiten entstanden. Deswegen sollte man sie auch singen. Ich bin da gnadenlos, gehe da rein und nehme keine Rücksicht! Man kann die Masse zum Guten führen, aber auch zum Bösen verführen.“
Wie würden Sie einem Teenager von heute erklären, daß er Ihrem Chor beitreten soll?
„Die Fischer-Chöre haben für alle Sparten Platz: Es gibt Kinder-, Jugend-, Rock- und Popchöre. Wir haben sehr viel junge Leute, die natürlich nicht mit den älteren zusammensingen wollen, sondern ihren Weg gehen und internationale Folklore singen. Schwierig ist nur, daß die jungen Leute nur singen, wann sie wollen, nicht wann sie müssen.“
Was macht für Sie als Profi die Faszination des Singens aus?
„Wenn jemand auf die Welt kommt, weiß er noch gar nicht, daß er ein Mensch ist, kann aber bereits singen. Stimme und Sprache sind uns vom Schöpfer geschenkt worden. Die Stimme ist mit das Schönste, was wir in uns tragen.“
Sie sind ein Kritiker der „Volkstümlichen Hitparade“. Wieso?
„Diese Leute sollen gescheite Schlager schreiben und die Volkslieder in Ruhe lassen. Denn echte Volksmusik entsteht erst einmal als Melodie. Wenn sie dann lange gesungen wird, ein Evergreen und vom Volk angenommen ist, dann ist es ein Volkslied geworden.“
Ist der „rappende Heino“ ein musikalischer Impuls für Sie?
„Als ich Heino neulich gesehen habe, sagte ich: Heino, laß bleiben, die Welt kennt Dich mit dem, was Du gemacht hast. Steh zu der Sache. Du bist mit einem Rap nicht glaubhaft! Wenn jemand so viel Erfolg gehabt hat wie Heino, sollte er die Gleise nicht wechseln.“
Sind die Fischer-Chöre im Techno-Zeitalter noch „up to date“?
„Techno ist ein raffinierter Trick, eine Zeiterscheinung, die kommt und geht. Viele nutzen die Jugend, ihre Situation, ihren Nerv aus. Wenn die nächste Erfindung kommt, ist Techno wieder weg. Über Nacht kann alles vorbei sein, wie bei der NDW. Das ewige Suchen nach Neuem, das Unzufriedene der Jugend, das kommt alles daher, daß die Jugend nicht mehr geführt wird. Hitler führte unsere Jugend ins Verderben, heute hat sie auch keine Führung. Gäbe es da keine Organisationen wie Chöre oder Clubs, wäre die Jugend völlig alleine gelassen.“
Sind Sie ein Kulturbotschafter in krisengeschüttelten Zeiten?
„Ja, sehr treffend, das bin ich. Ich habe internationale Kontakte und versuche, die Menschen zusammenzubringen. Das erste nach jedem Krieg ist, daß die Leute miteinander musizieren. So bringt man die Leute am schnellsten wieder zusammen.“
Stammt „Gott hilf, die Fischer-Chöre kommen“ von Ihnen?
„Ja klar, wer über sich selbst nicht lachen kann, der ist schon längst tot. Ich sage vor jeder Veranstaltung immer: „Gott hilf“, während der Show: „Gott lieb“, danach: „Gott lob!“.“
Sind Sie denn sehr religiös?
„Ich bin sehr stark sakral angehaucht, obwohl ich kein Kirchenrenner bin. Aber ich spüre irgendwo eine Kraft, die mich da hält: In Amerika bin ich nach dem Start kurz hinter dem John F. Kennedy Airport ins Meer gestürzt, bin zwischen Sao Paulo und Rio de Janeiro mit einer Zweimotorigen in den Busch gekracht und mir ist nichts passsiert. Erst wenn er da oben sagt, Amen, dann ist es aus!“