Waltari - Mai 1997 - SUBWAY Stadtmagazin Braunschweig




Waltari M U S I K


Auf zu den Sternen

Waltari sind schräg unterwegs auf der „Space Avenue“



Monk-Punker, Finnen-Spinner, Crossover-Chaoten rauscht es durch mein Hirn während ich mit hoher Geschwindigkeit die gerade in Vinyl und Polycarbonat gegossene „Space Avenue“ von Waltari herrunterrase. Im November ´95 auf dem SUBWAY-Cover, jetzt schon das sechste Album: Junge, wie die Zeit vergeht - und bald wieder kommt. Wieder da und natürlich nicht wegzudenken sind die zahlreichen Einflüsse aus den unterschiedlichsten musikalischen Genres: Metal, Dancefloor, HipHop, Rock, Industrial oder Techno (einmal mehr) wild durcheinandergewirbelt, aber erstmals wie von einem geraden, weißen Mittelstreifen durchzogen. Homogenität heißt das häßliche Wort - obwohl es innerhalb der Songs noch immer hoch her & kreuz & überquer geht. Eine Beschleunigung nach vorn und auch in fremde & seltsame Welten wie Waltari-Vocalist & Bassist Kärtsy im SUBWAY-Interview zu vermelden weiß. „Der Unterschied zu den letzten fünf Alben ist, daß wir nun nicht ständig den Stil der Songs und die Kompositionen geändert haben, sondern nur die Arrangements. Inhaltlich interessiere ich mich für das, was in den Köpfen der Leute passiert - möchte eine Art Verbindung zwischen meinem Bewußtsein und dem Space schaffen, eine Brücke zwischen Erde und Weltraum schlagen.“ Ob ihm das gelingt, wird wahrscheinlich nur der wissen, welcher sich tief genug in den Waltari-Kosmos versenkt oder mit High-Speed in die Umlaufbahn der bunt-blitzenden „Space Avenue“ katapultiert.

Was hältst Du von der Bezeichnung High-Tech-Rock´n´Roll, Kärtsy?
„Yeah, Waltari ist wirklich eine Rockband für das Jahr 2000! Wir haben diesmal jede Menge Extrasounds zwischen die Stücke gepackt - es ist wie ein richtiger Trip - so daß man wirklich nicht mehr von einem normalen Rockalbum sprechen kann. Ich kann sowieso nicht gerade behaupten, am Rock-Life-Style besonders interessiert zu sein, suche lieber nach immer neuen Wegen, Musik zu machen. Waltari war immer eine Band, die alles spielen kann und trotzdem nach Waltari klingt.“ Recht hat er, und neuen, „zukunftsweisenden“ Input bekamen die fidelen Finnen darüberhinaus noch von Greg Reely und Frontline Assemblys Rhys Fulber (hat jüngst Die Krupps, Machine Head und Fear Factory gemixt & produziert), die heftigst hinter den Reglern rotierten. „Die Idee mit neuen Produzenten hatten wir schon bei „Big Bang“, sind nun erstmals richtig tief in diese Industrial-Sache eingetaucht. Dieser Sound ist ziemlich aufregend! Als wir merkten, wie gut Greg im Programming und diesen Sachen ist, ließen wir ihn sehr viel machen. Er war auch maßgeblich an der Auswahl der Songs beteiligt, da es auf sein Drängen hin erst zu einem Konzeptalbum wurde. Leider fielen dadurch wirklich gute Songs raus, zum Beispiel ein Reggae oder so `ne typische „Pot“-Nummer, die wir vielleicht später mal verwenden werden“ erklärt Kärtsy.

Abwechslungsreichtum und Grenzüberschreitung sind also auch weiterhin Attribute, die sich Waltari auf die wehenden Matten schreiben können. Shouter Kärtsy schreckt sogar nicht mal vor Raves zurück. „Die Techno-Bewegung halte ich für das wichtigste musikalische Phänomen in den Neunzigern. Nach der Metal-Periode ist Techno musikalisch, als auch von der Attitüde her, die entscheidende Entwicklung. Ich sah schon immer eine gewisse Gemeinsamkeit zwischen mir und Leuten, die auf Techno-Parties gehen und den „primitiven“ Schamanismus mit moderner Technologie verschmelzen. Das ist eine interessante Kombination. Im Augenblick habe ich aber nicht die Zeit, häufig auf Raves zu gehen - ich bin seit kurzem Vater, you know?“
Text: Christian Göttner
Foto: Olaf Heine